Hinweis:
Das in diesem Beitrag verwendete Elektromobil wurde mir von [Drive Medical GmbH & Co. KG] kostenlos zur Verfügung gestellt.
Der Beitrag wurde von mir eigenständig verfasst und gibt meine persönlichen Erfahrungen wieder.

Inhaltsverzeichnis

Dieser Sommerurlaub sollte anders werden

Dieser Sommerurlaub sollte anders werden, ganz anders als in den letzten 30 Jahren zuvor. Denn in all diesen Jahren war immer mein Retter in der Not an meiner Seite, mein Mann.
Aber dieses Jahr war klar: Wir haben noch so viele gemeinsame Touren auf unserem Plan und zu wenig Urlaubstage. Daher fuhr ich allein und es wurde besonders anders.

Wie ich auf das Havelland kam

Durch die sozialen Medien wurde ich auf das Havelland aufmerksam und plötzlich wusste ich: Da will ich hin.
Ich suchte eine Unterkunft, die Barriere- und familienfreundlich ist und mich gut versorgen kann. Und sie sollte natürlich mit der Bahn erreichbar sein.
Freudigerweise wurde ich fündig und die Familienferienstätte erfüllte alle meine Kriterien, direkt am See.

Meine Urlaubsbroschüren

Die große Frage: Welches Hilfsmittel begleitet mich?

Nun stellte sich mir die Frage: Welches Hilfsmittel kann mich gut und problemlos auf meiner Reise begleiten?
Ehrlich gesagt bin ich ziemlich schusselig, was das Rollstuhlfahren mit meinem Outdoor-Rollstuhl angeht. Dieser Rolli lenkt entgegengesetzt mit den Hinterrädern, wie ein Gabelstapler. Gefahren bin ich so etwas noch nie und alle, die ich bisher fragte, fanden diese Art des Fahrens natürlich klasse.

Wenn ich mir allerdings vorstelle, wie ich damit rückwärts den Hublifter in den ICE hineinfahre, bekomme ich noch schneller graue Haare.
Dazu kommt: Ich kann ohnehin nicht lange Wege mit dem Joystick fahren, da der Muskelschwund im Arm-/Schulterbereich zunehmend schmerzhafter wird.

Auf der Suche nach einem Elektromobil

Daher beschloss ich, mir ein Elektromobil auszuleihen, wie vor einigen Jahren auf Spiekeroog. Leider wurde ich nicht fündig oder bekam keinerlei Rückmeldungen.
Bei meiner Suche stellte ich jedoch fest, dass es mittlerweile Elektromobile gibt, die für den ÖPNV zugelassen sind. Das fand ich so genial, dass ich mich auf eine erneute Suche machte, nämlich nach einem Kooperationspartner.

Ich schrieb eine einzige Bewerbung an einen Hersteller, dessen Elektromobil perfekt zu mir passen würde und was soll ich sagen… Volltreffer!
Es fand ein sehr guter Austausch statt und pünktlich vor meiner Abreise wurde es zu uns in die Eifel geliefert.

Doch nicht allein – Mama reist mit

Nun hatte ich mein passendes Hilfsmittel gefunden und doch fühlte ich mich nicht ganz sicher bei dem Gedanken, allein mit unserem Kind auf große Reise zu gehen. Daher fragte ich meine Mama, ob sie mich begleiten wolle.
Da mein Papa selbst im Rollstuhl sitzt, überlegten wir zunächst, mit ihm gemeinsam zu fahren. Aber wir entschieden uns zu seiner Erleichterung doch ohne ihn zu fahren.
Er machte in dieser Zeit sozusagen auch ein wenig Urlaub von zuhause.

Alles gebucht – es konnte losgehen

Nun hatte ich mein passendes Hilfsmittel gefunden und doch fühlte ich mich nicht ganz sicher bei dem Gedanken, allein mit unserem Kind auf große Reise zu gehen. Daher fragte ich meine Mama, ob sie mich begleiten wolle.
Da mein Papa selbst im Rollstuhl sitzt, überlegten wir zunächst, mit ihm gemeinsam zu fahren. Aber wir entschieden uns zu seiner Erleichterung doch ohne ihn zu fahren.
Er machte in dieser Zeit sozusagen auch ein wenig Urlaub von zuhause.

Unsere Fahrkarten waren schnell besorgt und die Hilfen zum Ein-/Ausstieg über die Mobilitätszentrale ebenfalls angemeldet. Unser Gepäck gab ich schon vorher auf, denn Hilfsmittel und Gepäck ist einfach zu viel des Guten.
Für die Anreise planen wir ohnehin immer einen kleinen Trolley ein. Schließlich gibt es Dinge, die man bei sich haben muss.

Um meinen Rollator kostenlos über die DB mitzuschicken, war ich leider zu spät. Dafür versprach mir aber die Ferienstätte, mir einen Rollator auszuleihen.

Nun konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen und „Expedition Havelland“ konnte endlich

Abfahrt nach einer schlaflosen Nacht

Nach einer schlaflosen Nacht starteten wir vom Bahnhof Mechernich (Eifel) mit der Regionalbahn nach Köln, um dort in den ICE umzusteigen. So war der Plan.
Mein Retter in der Not fuhr uns morgens um 5 Uhr mit Sack und Pack ins 20 km entfernte Mechernich, der nächstgelegene barrierefreie Bahnhof.

Der Einstieg – oder besser gesagt: Keiner

Ich hatte eine Einstiegshilfe angefordert. Pünktlich fuhr die Regionalbahn ein, doch wo war das Rollstuhlabteil? Und wo die helfenden Hände?

Niemand war da. Also sausten wir am Gleis entlang.
Fast am Ende des Zuges sagte mein Mann: „Hier musst du rein!
Vor mir lag jedoch ein hoher Einstieg unmöglich zum Reinrollen. Ich tobte, wie ich es in meiner Hilflosigkeit manchmal tue.

Mein Mann rief laut in den Zug, ob bitte jemand helfen könne.
Und tatsächlich: Ein junger Mann hob gemeinsam mit meinem Mann das Elektromobil hinein.

Als es verstaut war, kam der Zugführer.
Er entschuldigte sich, dass er erst jetzt die Meldung von der Mobilitätszentrale bekommen habe.

Ein Turbokuss und schon schloss sich die Tür.
Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Da stand ich nun, falsch herum, ohne Rollstuhlabteil, mitten im Durchgang, ohne meinen Retter in der Not, der mich kurzvorher mit dem Kuss verabschiedete.

Am Bahnhof in Mechernich
In der Regio - Eifelbahn

Mein Video auf YouTube

Ankunft in Köln – und ein kleines Wunder

Nach einer Stunde erreichten wir Köln.
Meine größte Sorge: Kommt ein Helfer mit Hublifter?

Meine Mutter stieg aus und sprach sofort einen Mitarbeiter an und wie durch Zufall hatte er tatsächlich einen Hublift dabei! Er wusste nichts von mir, aber er war da.
Er war freundlich, witzig und nahm mir sofort die Angst.

Am Info-Point brachte uns eine sehr nette Dame zum ICE, wo bereits der nächste Hublift wartete.

Mein netter Helfer beim Ausstieg aus der Eifel-Bahn

12,5 Stunden ICE – die Eifelbimmelbahn auf Langstrecke

Im Zug herrschte Chaos denn unser ursprünglicher Zug war Wochen vorher gestrichen worden. Ich war damals flux und buchte sofort um. Viele Fahrgäste hatten wohl diese E-Mail mit der Stornierung des Zuges nicht gelesen.
Ich überließ meinen reservierten Sitz jemandem, der sich riesig freute, und blieb bequem auf meinem Elektromobil sitzen.

Die Fahrt?
🐢 70 km/h Durchschnitt
🚨 Polizeieinsatz
🔀 Umweg über Wittenberge
⏰ 3 Stunden Verspätung
🥤 peinliche Wasser-Hamsterer im Bordbistro

Wittenberge wollte ich immer schon mal besuchen… aber vielleicht nicht unbedingt so. 😄

Mein Sitzplatz im ICE
Barrierefreies WC im ICE

Weiterfahrt nach Brandenburg – und wieder keine Info

In Berlin wurden wir freundlich empfangen und zum nächsten Gleis begleitet.
Doch dort wusste niemand von unserer Anmeldung.
Die Kommunikation zwischen DB und Regionalbahn scheint… nun ja… optimierungsbedürftig.

Zum Glück half das Team trotzdem.
Ein netter junger ODEG-Mitarbeiter kümmerte sich um Rampe, Ein- und Ausstieg.

Ein älterer Herr unterhielt mich während der Fahrt sehr nett und erzählte viel über die Region.

Berlin HBF
Berlin HBF
Unser Umweg
Nette Unterhaltung in der ODEG

Ankunft in Kirchmöser – ein Hindernisparcours aus Treppen

Angekommen in Kirchmöser sahen wir zunächst: Treppen. Viele Treppen.
Dazu ein seltsames Rollstuhl-Schild, aus dem ich nicht schlau wurde.

Ein Mann meinte, ich müsse dort lang.
Das Internet war genauso verwirrt wie wir.

Also nahm ich meinen Mut zusammen: „Mama, da muss ich jetzt runter.“
Und ich rollte laaangsam die Betonrinne herunter, Gashebel ziehend, hoffend, dass die Räder nicht abrutschen.
Hinter mir eine schimpfende Mama und Sohn – völlig fassungslos über diese Barrierefreiheit.

Unten angekommen mussten wir – Überraschung! – die Treppen wieder hoch.
Wer möchte, kann sich dazu auch ein Video ansehen. Es war wirklich unglaublich komisch.

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Bahnhof Kirchmöser
Auf der linken Spur habe ich mein Elektromobil hinunter geschoben

Mein Video auf YouTube

Endlich in der Ferienstätte

Wir hatten riesigen Hunger und wollten nur noch essen.
In der Familienferienstätte wurden wir erwartet und konnten direkt zum Abendessen.
Die Zimmer waren barrierefrei und gemütlich gestaltet.Mein Elektromobil hatte im eigenen Flur ebenfalls reichlich Platz und wie versprochen, hatte das Team des Hauses mir einen Rollator zur Verfügung gestellt.

Unser Abenteuer konnte beginnen obwohl wir eigentlich schon mittendrin waren.

Unsere Familienferienstätte
Barrierefreier Weg der Ferienstätte zum See
Barrierefreies Zimmer mit Pflegebett- Einlegerahmen
Ein eigenes Barrierefreies Badezimmer befindet sich direkt nebenan

Kopfsteinpflaster, wohin man schaut

Nach dem Abendessen machten wir noch eine kleine Runde außerhalb des Geländes der Ferienunterkunft. Unsere Entdeckertour zeigte jedoch schnell: Im gesamten Ort erwarteten uns Kopfsteinpflaster und zahlreiche Barrieren. Die Bordsteine waren in jede Richtung hoch, was das Vorankommen deutlich erschwerte.

Zum Glück hatte ich mein Elektromobil dabei denn mit dem Aktivrollstuhl wäre ich hier chancenlos gewesen. Die Enttäuschung darüber ließ sich leider nicht verbergen.

Auf dem Radweg nach Malge

Am nächsten Tag folgten wir dem Radweg nach Malge – 4,5 km am See entlang, durch ruhige Wälder und teils angenehm asphaltiert. Die Strecke erinnerte fast ein wenig an die Eifel und gefiel uns richtig gut.

In Malge erwartete uns Camperatmosphäre – leider begleitet von illegalen Grillaktionen und entsprechend unangenehmen Gerüchen. Der beißende Rauch von verbranntem Grillgut war kaum auszuhalten.

Am Ende fanden wir zwar den Badestrand, doch er war für mich nicht erreichbar: Ein Mix aus Sand und Nadeln führte steil bergab. Also traten wir enttäuscht den Rückweg an.

Fazit: Für Radfahrer traumhaft – mit Hilfsmittel eher schwierig.

Ein Tagesausflug nach Brandenburg

Könnte man die Zeit zurückdrehen, wären mehrere Tage allein für Brandenburg fest eingeplant. Die Stadt hat unglaublich viel zu bieten. Leider regnete es an unserem Ausflugstag immer wieder, und da der Urlaub sich dem Ende näherte, blieb keine Möglichkeit, den Besuch zu verschieben. Wir entschieden uns daher für den Rollator – so konnten wir ohne vorherige Anmeldung in die ODEG einsteigen und spontan bleiben. Gleichzeitig bedeutete das aber auch einen deutlich eingeschränkten Ausflug.

Die kurze, nur siebenminütige Zugfahrt fühlte sich an wie der Sprung in eine andere Welt. Direkt beim Ausstieg begegneten wir herzlichen Menschen, viel Hilfsbereitschaft und einer Innenstadt mit richtig charmantem Flair. Dort fand ein Spieletag statt, und wir entdeckten sogar einige von Loriots Waldmöpsen.

Doch meine Beine machten irgendwann nicht mehr mit, und das Kopfsteinpflaster war mit Rollator schwer zu bewältigen. An der Jahrtausendbrücke mussten wir deshalb abbrechen und den Rückweg zum Bahnhof antreten.

Beim nächsten Mal würde ich Brandenburg mit dem Elektromobil besuchen – die Stadt lohnt sich sehr, und es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Ein herzliches Dankeschön geht an die TMB Tourismus: Man merkt sofort, dass dort Menschen mit offenem Ohr arbeiten.

Mein Video auf YouTube

Gedanken aus Kirchmöser

Wer Ruhe und Natur sucht, wird sich hier sehr wohlfühlen. Auch für Menschen, die ohne große Planung mobil sein können, ist der Ort angenehm. Für alle, die auf Hilfsmittel angewiesen sind, wird der Bewegungsradius jedoch deutlich eingeschränkt. Hauptgrund dafür ist das Kopfsteinpflaster: sehr uneben, stark erhaben und nur selten von abgesenkten Bordsteinen begleitet. Egal, in welche Richtung wir unterwegs waren – es blieb immer beschwerlich.

Auch die Anreise oder Weiterfahrt mit der Bahn ist nicht unkompliziert. Der Weg zum Gleis ist bereits herausfordernd, und wer mit einem Rollstuhl reisen möchte, sollte bei der ODEG vorab eine Hilfeleistung anmelden. Die Bahnsteighöhe passt aktuell noch nicht, sodass eine Rampe benötigt wird. Diese ist jedoch fest in der Bahn eingeschlossen und muss vom Servicepersonal herausgeholt werden; eine eigene mobile Rampe gibt es nicht. So war zumindest der Stand im Sommer 2025.

Mir geht es nicht darum, den Ort schlecht darzustellen – er hat schöne Seiten. Aber wer mit Handicap unterwegs ist, sollte sich auf zahlreiche Einschränkungen einstellen.

Wir hatten sogar kurz überlegt, früher abzureisen, doch eine spontane Heimfahrt wäre zu teuer gewesen. Also blieben wir bis zum Schluss – mit einem ordentlichen Hauch Heimweh.

Heimreise – dieses Mal funktioniert alles

Um die Rückfahrt dieses Mal wirklich reibungslos zu gestalten, meldete ich alle benötigten Hilfen im Nahverkehr doppelt an: einmal direkt bei der ODEG und zusätzlich über die Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn – die Anmeldung dort hatte ich bereits zu Hause erledigt. Die Erfahrungen der Hinreise hatten gezeigt, dass es im Nahverkehr immer wieder kommunikative Lücken geben kann.

Dieses Mal lief alles perfekt: Keine Hilfeleistung war doppelt gebucht, alle Bahnhöfe waren vorbereitet und alle Helfer standen bereit. Unser ICE fuhr pünktlich ab, und wir machten uns erleichtert und glücklich auf den Weg zurück in die Eifel.

Mit der ODEG in Richtung Berlin HBF
Ausstieghilfe durch das Service Personal der ODEG
Ankunft Berlin HBF

Das letzte Stück: Kölner U-Bahn – und wieder Chaos

In Köln nahmen wir die U-Bahn, um meinen Mann nicht bis zu uns nach Köln fahren zu lassen. Die angebliche Barrierefreiheit war… na ja… kreativ.
Der Einstieg war so hoch, dass ich Schwung brauchte.
Bei einem Versuch fuhr ich fast einer Gruppe von jungen Männern über die Füße, die unbedingt noch vor mir in die U-Bahn hinein hüpfen wollten.

Am Ende unserer Reise hielt die Bahn nicht an unserem Bahnhof – Endstation.
Alle mussten raus, wegen einer Baustelle.

Also rief ich meinen Retter in der Not an.
Er holte uns ab.

Warten auf die U-Bahn am Kölner HBF

Endlich zuhause – die Eifel hat uns wieder

Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich war, ihn nach 31 Jahren Beziehung wiederzusehen – genauso wie damals als Teenager.
Glücklich und erleichtert kamen wir zuhause an.

Das war wirklich „Expedition Havelland“.
Und wer weiß – vielleicht komme ich eines Tages zurück. In Brandenburg gibt es noch so viel zu entdecken. 🌿✨

 

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